Dockville 2011 – Ein Wochenende im Schlamm
Die Misere fing schon vor dem Festival an. Nach den Wetterprognosen der vergangenen Woche lief alles darauf hinaus, dass das Dockville zu einer großen Matsch-Party mutieren könne. In weiser Voraussicht habe ich also versucht Gummistiefel aufzutreiben, doch anscheinend war jeder andere Festivalbesucher schneller als ich.
Am Einlass endlich angekommen lieferten sich mir katastrophale Zustände. Sorry für den Ausdruck, aber wie sollen 18.000 mehr oder minder bepackte Menschen über eine kleine Holzbrücke den Weg auf den Campingplatz und das Festivalgelände schaffen? Die Organisation des Festivals schien überfordert mit den meteorologischen Gegebenheiten. Manch einer kann sich vielleicht noch an das Omas Teich Festival 2009 erinnern, wo ähnliche Zustände herrschten. An den extremsten Stellen stand man bis zu 20cm im tiefbraunen Schlamm. Aber ohne Bier und Schlamm, kein Festival.
Genug gemeckert, eingeleitet wurde das freitagabendliche Bandprogramm mit Dunkelbunt.
Eine Tanzparty sondergleichen, Menschen die im Schlamm badeten, Spaß hatten. Für diejenigen die ihn nicht kennen: Ulf Lindemann alias Dunkelbunt gilt als einer der Pioniere der Fusionierung von südosteuropäischer Folklore sowie Klezmer mit Swing und elektronischer Musik. Gefolgt wurde er von den beiden Schweden von Johnossi. Live immer wieder eine Perle. Von Sänger John Engelbert und seinem energetischem Stimmorgan blieb niemand unberührt. Gänsehautstimmung war vorprogrammiert. Ohrwürmer wie „Man Must Dance“ oder „What’s The Point“ wurden zum Besten gegeben und von den Fans frenetisch gefeiert. Diesjähriger Co-Headliner waren die Editors. Insgesamt eine runde Show, typisch Editors eben. Aber auch nichts weltbewegendes. Indie-Hymnen à lá „Munich“ oder „Bullets“ waren natürlich mit auf der Setlist. Ich wundere mich immer noch wie aus diesem Männlein so eine tiefe Stimme herauskommt. Trotz der kompletten Schließung des Maschinenraums am Freitag mussten nur wenige Acts bzw. DJ-Sets gecancelt werden. Die Minimal-Vorreiter Kollektiv Turmstraße spielten also einfach im Anschluss an die Editors auf der großen Bühne. Das war mit Sicherheut der leiseste Gig ihrer Laufbahn. Etwas schade, denn zu der Uhrzeit hatte ungefähr jeder Besucher seine Dancing Shoes angezogen! Dennoch toll, dass sie aufgelegt haben.
Der Freitag war ein Feuerwerk der Indie-Tanzmusik. Mädchen und Jungs in Glitzerschminke eingehüllt, Pferdeköpfe, Schnurrhaarimitationen. Den Dockville Besuchern hat man schon immer eine sehr ausufernde Kreativität nachgesagt. Leider konnte man von der Dockville-internen Kreativität dieses Jahr nicht so viel bemerken. Viele Bereiche der Kunstinstallationen waren quasi nicht begehbar, da der Schlamm einfach zu tief war. Egal, so war man gezwungen entweder nach Hause zu fahren oder sich noch intensiver mit der Musik zu beschäftigen.
Der Samstag begann für mich mit einer Band die man schon fast als Altherrenrunde bezeichnen könnte, wenn da nicht der neue Sänger Matthias Reetz wäre. Die Herren von Blackmail spielten um punkt 16.00 Uhr auf der großen Bühne. Und das dazu noch im strahlenden Sonnenschein, womit wirklich niemand so richtig gerechnet hat. Insgesamt ebenfalls sehr gut, aber doch ungewohnt, so ohne Aydo Abay. Der war nämlich Ende 2008, während der damaligen Blackmail Tour, nach einem Streit ausgetreten. Die neuen Songs, meiner Meinung nach perfekt arrangiert, keine Frage. Aber die alten Songs sollte man dann doch wieder dem Aydo überlassen. Gefolgt wurden sie von den Jungspunden Beat!Beat!Beat! gerade mal 20 Jahre alt und schon als die deutschen Foals gehandelt. Hat zumindest der NME gesagt. Schon ihre EP „Stars“ sorgte für Furore, denn der Track „Fireworks“ beeindruckte auf einmal Radiostationen wie EinsLive oder auch Motor FM, die ihn dann rauf und runter spielten. Für die Indiekids genau das Richtige. Vor zwei Jahren waren die vier Jungs schon einmal zu Gast auf dem Dockville, allerdings waren dieses Mal wesentlich mehr Menschen vor der Bühne am Feiern. Kompliment und auch vollkommen berechtigt! Im Anschluss konnte man DIE Indieband des Jahres bewundern. Die norwegischen Kakkmaddafakka sind spätestens seit der Veröffentlichung ihrer Single „Restless“ in aller Munde. Zu Anfang der Show ein Fahnenschwenker, der eine riesige Fahne mit den Lettern „KAKKMADDAFAKKA“ zierte. Too much? Keineswegs! Ebenfalls mit zwei in Ringelshirts und Kniestrümpfen bewaffneten Backgroundsängern/-tänzern die mit 80er Village People Dancemoves die Menge zum Tanzen animierte. Ich sags euch, eine Augenweide. Sänger oben ohne, Pianist völlig irre und später auch noch Ballett / Ausdruckstanz von den Herren in den Ringelshirts. Die Menschen gingen bei den Hits „Restless“ und „Your Girl“ natürlich völlig steil! Ebenfalls eines der Hype-Themen ist auf jeden Fall Casper aka Benjamin Griffey.
Nach der VÖ seines zweiten Albums „XOXO“, welches direkt auf Platz 1 der Verkaufscharts landete, sah und las der allgemeine Musikuser seinen Namen überall. Einerseits von der Rapszene verhöhnt auf der anderen Seite geliebt. Featurings mit Marteria und Thees Uhlmann machten ihn somit auch dem Indiepublikum schmackhaft. Der auf dem Abifestival in Lingen angefangene Beef zwischen den Kollegen Kraftklub und ihm wurde natürlich auch auf dem Dockville weiter ausgetragen. Casper motivierte das Publikum mit Sätzen wie „Kraftklub brauchen einen? 400€-Job“. Sämtliche Künstler hat er damit spaßeshalber durch den Kakao gezogen. Er muss sich ja keine Gedanken machen, denn nach der Veröffentlichung von „XOXO“ braucht Casper zumindest keinen 400€-Job mehr. Headliner am Samstag war Santigold.
Ein Erlebnis sondergleichen. Wusste gar nicht, dass ich so viele Songs von ihr kenne. Ohne Allüren, viel Show, viel Tanzen. Tänzerinnen mit Cheerleader-Puscheln versüßten der New Yorkerin ihr Auftreten im Space-Mountain-mäßigem Outfit.
Am Sonntag überzeugten die Durchstarter Noah & The Whale mit perfekter Orchestrierung und dem mit Abstand bestem Dresscode des Tages (mit Ausnahme von Conrad Keely, der im roten Plastikfolien-Poncho auf die Bühne kam). Spätestens beim Indie-Dancefloor-Filler „L.I.F.E.G.O.E.S.O.N“ gingen alle steil. Zum Schluss gab es noch die fantastischen And You Will Know Us By The Trail Of Dead.
Energetisch, laut, Gänsehaut. Neuestes Werk „Tao Of The Dead“ ist nicht nur live ein Hörgenuss („Pure Radio Cosplay“ oder „Ebb Away“) sondern auch optisch hat das Album einiges zu bieten. Denn wie bei vergangenen Trail Of Dead Alben hat sich Sänger Conrad Keely persönlich der Gestaltung des Albumartworks gewidmet.
Alles in allem war das MS Dockville 2011 ein gelungenes Wochenende, trotz Schlammparty. Ich bin immer noch der Meinung, dass dieses Festival in seiner Art in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa einzigartig ist. Musik und moderne Kunst verbunden zu einem großen Gesamtpaket. In diesem Sinne, bis nächstes Jahr!
www.msdockville.de
report by patrick janssen



