Das Jahr der Rekorde. Ein Wahnsinn. 17.500 Besucher, 1.900 Fachbesucher und Medienvertreter bildeten das Publikum des sechsten Reeperbahnfestivals. Ein Rückblick.
Donnerstag, 15.30 Uhr
Erstes Treiben auf dem Spielbudenplatz. Fachbesucher und Medienvertreter tummeln sich in der Campus Lounge. Die ersten Biere werden getrunken. Indie-Publikum mischt sich mit Anzugträgern. Der Start für das Reeperbahnfestival 2011 ist gefallen.
16.00 Uhr
Ich drehe meine erste Runde über das Flatstock Festival. Beeindruckende Kunstdrucke nationaler und internationaler Künstler, Grafiker und anderer Kreative werden hier zum Kauf angeboten. Tolle Sache, tolle Bilder. Bier.
19.15 Uhr
Imperial Theater. Egotronic’s Torsun gibt in einer Lesung erste Passagen seines Buches „Raven wegen Deutschland“ preis, welches er zusammen mit seinem Kollegen Kulla verfasste. Anekdoten aus dem Berliner Partyleben gefolgt vom Kapitel „Mischkonsum“. Im Publikum: Audiolith-Kids und Pseudo-Interlektuelle. Insgesamt aber ganz nett.
20.00 Uhr
Weiter ging ins Docks, wo die Fotos ersatzweise für The Raveonettes spielten. Ich persönlich hätte zweitere lieber gesehen. Aber dennoch: Fotos haben sich mit ihrem dritten Album „Porzellan“ vom Neo-Indie-Schrammel erfolgreich gelöst. Man hört klare Verbindungen zu Joy Division („Alles Schreit“). Bühnenshow ist mystisch, dunkel. Passt.
21.15 Uhr
Schauplatz Esso Tankstelle. Hornbrillen, Stoffbeutel mit "Gina, George & deine Mudder" Aufdrucken soweit das Auge reicht. Teenies greifen zu billigem Dosenbier, bewundern den legendären Eiswürfelautomaten. Die Kassierer sichtlich genervt und dementsprechend unfreundlich. Was soll‘s. Bier.
23.30 Uhr
Schon wieder Docks. Unsere Lieblingsschweden von Friska Viljor füllen die Location beachtlich. Multiinstrumental, melancholisch, traumhaft. „Larionov“, „My Thing“ und der Hamburg-Knaller „Wohlwill“ mit auf der Setlist. Nach einem famosen Akustik-Gig der beiden Schweden im April im kleinen Molotow, ist dieses Konzert ein krönender Abschluss des ersten Festivaltages.
03.30 Uhr
Gina-Lisa Lohfink prügelt sich mit zwei anderen Frauen auf der Großen Freiheit, ziehen sich in den Haaren. Lohfink fällt, mittlerweile barfuß, schreiend zu Boden und wird vom Securitypersonal eines ansässigen Clubs von den zwei anderen Furien befreit. Sie flüchtet in einen nahe gelegenes Etablissement.
Freitag, 19.45 Uhr
Fliegende Bauten. Katerstimmung. Donnerstag endete übel. Deswegen erstmal was seichtes. Ben Howard gibt sich die Ehre in dem komplett gefüllten Zelt. Unfassbare Energie in der Stimme. Seine Gitarre, auch gerne mal als Drumset herhalten muss, begleitet von einer Cellistin und klassischem Schlagzeug. Gänsehaut, Emotion. Letzter Song, Zuschauer stehen auf, singen lauthals die Backingvocals; tanzen. Ben Howard, Festivalüberraschung Nummer Eins.
23.00 Uhr
Etwas unglücklich: die Komplett-Überschneidung von Escapado, Herrenmagazin und Turbostaat. Letzere lieferten im halbvollen Docks eine solide Show ab. Aber wo waren die Menschen? Großartige Band und nur so wenig Menschen? Ich war ein wenig entsetzt und zweifelte am guten Geschmack des Publikums. Waren die denn alle bei der Jennifer Ostblock ("Mit weniger Metall in der Fresse sähe die Alte gank ok aus")? Schwamm drüber, letztes Bier und heim, da die alkoholbedingte Zerstörung meines Körpers, mich nur noch in mein Bett trieb.
Samstag, 14.45 Uhr
Wir begannen den Tag entspannt auf der Showcase Party von Neuland Concerts und dem hippen Blog „We Are We Are“… Überraschung Nummer zwei: Locas in Love. Ein Sound, wie ihn selten deutsche Bands hinbekommen, garniert mit deutschen Vocals. Außergewöhnliche Mischung. Und ich schwöre, dass der Sänger / Gitarrist ein geheimer Sohn von Robert Smith ist.
17.00 Uhr
Ray Cokes. Muss man mehr sagen? Ich denke nicht. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Schmidt-Theater lud die MTV-Legende zur letzten Ausgabe seiner Reeperbahn Revue. Mit Performances von Dikta, Francis International Airport und Yoav war auch das musikalische Rahmenprogramm gut besetzt. Letzterer hat mich mit seinem Showcase dermaßen beeindruckt. Aber dazu später mehr. Es gab reichlich Bier für das ganze Publikum, dank eigens angereistem Brauer. Also mit einem Becher frisch gezapftem in der Hand, dem alten Mann zugesehen, welcher sich selbst als „old dirty sexist bastard“ bezeichnet. Recht hat er. Mit bestimmtem britischen Humor und einer großen Portion Sarkasmus, führte er charmant durch die Show.
19.00 Uhr
Nahrungsaufnahme und Bier. Vor dem Neidklub steht ein weißer Van, aus dem hippe Minimal-Techno Mucke schallt und ein wenig an den berühmt-berüchtigten Dutch Acid Bus auf der Fusion erinnert. Ein witzig gekleideter Mitt-Achtziger steht barfuß mit einer Packung Riesenseifenblasen davor und tanzt. „Support Your Local DJs“, vom Ding her gut. Nur der Opa hat mich irritiert.
20.30 Uhr
Zuerst dachte ich, ich sei im falschen Club. Aber nein. Das Café Keese war zum Bersten gefüllt und ein Mastermind auf der Bühne. Yoav, angeblich ist er 36, aber sieht locker aus wie 25. Wurzeln in Südafrika und Israel. Für mich mit Abstand der beste Act, den ich an diesem Wochenende bewundern durfte. Mit nichts als einer Gitarre bewaffnet betritt er die Bühne. Auf dem Boden, vor seinen nackten Füßen „The Beast“. So nennt er sein Effektboard. Und das hat es in sich. Yoav schafft es allein mit seiner Gitarre und seiner Loopstation feinste Electronica-Tracks hinzuzaubern. Gänsehaut, aber sowas von! Frenetisch gefeiert, Menschen rufen „Zugabe“. Leider gab es keine.
22.30 Uhr
Locationwechsel. Man wandert rüber in die Große Freiheit 36, wo die Kollegen vom Hamburger Label „Audiolith“ ihren selbstbetitelten Affenkampf veranstalteten. Und überall das gelbe T-Shirt von Audiolith mit den schönen großen Buchstaben. Eine Armada von eindeutig unter 18-Jährigen belagerten den Kiezclub und feierten Bratze, welche dieses Jahr eines ihrer raren Konzerte spielten. Bühnenshow: Keinesfalls für Epileptiker!
00.30 Uhr
Feierabend. O2 Aftershow Party im Planet Pauli. Viele bekannte Gesichter. Margaritas. Man lässt das vergangene Wochenende Revue passieren und feiert in ausgelassener Runde. Es war großartig. Danke an das Reeperbahnfestival für die tollen Tage und bis nächstes Jahr.
report by patrick janssen



