"NUCLEAR BLAST - Von der Nische zur Marktmacht"
Aus einem kleinen Versandhandel namens “Misthaufen Distribution” (später “Core Distribution”), dessen Firmensitz zur Gründungszeit buchstäblich aus dem Wohnzimmer der Eltern bestand, gründete Markus Staiger vor mehr als 20 Jahren die Firma Nuclear Blast, die sich im Heavy Metal Bereich als Label und Mailorder-Betrieb international einen großen Namen gemacht hat und legendäre Größen wie Testament, Nightwish, Dimmu Borgir, In Flames etc. unter Vertrag nehmen konnte. Die aktuelle Mitarbeiterzahl liegt derzeit bei ca. 80 Festangestellten, Tendenz steigend. Aus einer Nische, die anfangs noch im Hardcore-/Punk-Genre lag, entwickelte sich Nuclear Blast im Genre “Heavy Metal” nicht nur zum größten Indie-Label Europas, sondern regelrecht zu einer Marke.

Dennis Rowehl im Gespräch mit Andy Siry, Head of A&R und Label Manager:
Autona: Worin liegen wesentliche Gründe für den Erfolg des Unternehmens?
Andy Siry (A.S.): Bei der Gründung des Unternehmens vor 20 Jahren hatte Markus nicht gedacht, dass die Firma einmal so groß werden würde. Der große Durchbruch kam mit Hammerfall, In Flames und Dimmu und allmählich hat sich das Unternehmen von Jahr zu Jahr beständig vergrößert. Hinzu kam, dass wir bei Neuverpflichtungen ein gutes Gespür für die “richtige” Band entwickelt haben.
Autona: Es gibt diese Dokumentation “Heavy Metal auf dem Lande”, die über das Unternehmen Nuclear Blast im ländlichen Donzdorf in der Schwäbischen Alb berichtet. Es ist ja schon irgendwie exotisch, dass sich die Musikweltpresse in einer Dorfkneipe zur Vorstellung neuer Alben, die weltweit in großer Auflage vertrieben werden, trifft. Das zeigt neben der Internationalität natürlich eine große Heimatverbundenheit. Gab es Pläne, den Standort zu wechseln oder worin liegt der besondere Reiz von Donsdorf?
A.S.: Markus hat diese Heimatverbundenheit. Er stammt aus Donzdorf und lebt hier seit seiner Geburt. Sicherlich wäre es diversen Angestellten lieber, wenn wir in Stuttgart ansässig wären, aber mittlerweile ist Donzdorf schon bekannt geworden. Viele Leute unterschätzen den Standort und wenn Kunden oder Klienten unser Firmengebäude sehen, wundern sie sich schon, was wir hier aufgebaut haben.

Autona: Wirft man einen Blick auf Euer Personal, fällt schon auf, dass eigentlich alle “Metalheads” sind. Somit entsteht natürlich auch eine Corporate Identity. Wie wichtig ist es, dass ein Mitarbeiter eine gewisse Affinität zum Metal hat? Würdet Ihr auch jemanden einstellen, der beispielsweise ein Distributionsgenie ist, aber mit Heavy Metal nichts am Hut hat?
A.S.: Grundsätzlich muss man sagen, dass die Leistung zählt, schließlich sind auch wir ein Unternehmen, das sich in einer Wettbewerbssituation befindet. Es ist also nicht entscheidend, ob man Metal hört. Es ist ja nicht so, dass wir hier den ganzen Tag herumsitzen und nur Musik hören. Wir arbeiten auch und wenn man einen ordentlichen Job macht, dann spielt der Musikgeschmack keine Rolle. Im Bereich A&R und Promotion ist es natürlich anders, da ist es schon von Vorteil, wenn man sich mit den Produkten auskennt und diese mag, um sie auch glaubhaft vermarkten zu können. Ohne das musikalische Know How und das richtige Gespür kann man auch nicht eine neue Band erfolgreich unter Vertrag nehmen, denn Risiken und Chancen müssen schon einschätzbar sein.

Autona: Was macht Ihr, um das Personal zu motivieren und and das Unternehmen auch leidenschaftlich zu binden?
A.S.: Wir haben ein gutes Betriebsklima und pflegen dieses natürlich auch mit Betriebsausflügen, Weihnachtsfeiern und so weiter.
Autona: Während die Musikbranche insgesamt an illegalen Downloads krankt, habt Ihr Eure Umsätze erhöht. Wie erklärt Ihr Euch dieses Phänomen? Liegt es daran, dass insbesondere im Metal-Bereich eine Art Produkttreue herrscht, dass man das Album als ganzes und nicht einfach als Datei haben möchte?
A.S.: Also der Metal-Bereich ist konstanter als beispielsweise der POP-Bereich, das ist natürlich schon einmal ein großer Vorteil, aber entscheidend ist natürlich ein gutes Produkt und das muss natürlich auch gut aussehen. Das erwarten die Kunden. Im Heavy Metal spielt der Bereich des Merchandise auch eine große Rolle, denn es gibt wohl kaum eine Musikrichtung, bei der der Musikglaube derart stark nach außen getragen wird als beim Metal. In dieser Musiksparte steht das gesamte Produkt im Vordergrund, das Cover, das Booklet und natürlich die Musik selbst. Das Metal-Publikum ist sehr treu und unterstützt die Bands durch den Kauf der Alben und Merchandise-Artikel.
Autona: Ihr seid hauptsächlich im (extremeren) Metal zuhause, dennoch gibt es z. B. mit Liquido eine Ausnahme. Ist Diversifikation eine Chance oder eher ein Risiko? Schließlich kostet es eine Menge an Investitionen, um eine Band zu promoten?
A.S.: Auf jeden Fall ein Risiko, denn bei Ausflügen in den Pop-Bereich weiß man nie, was einen erwartet. Wenn wir beispielsweise ein neues Album von DIMMU herausbringen, gibt es eine Fanbase, die man schon irgendwie einschätzen kann, im Pop-Bereich ist es schwierig, da fängt man quasi jedes Mal wieder bei Null an. Der Markt funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten, die schwieriger zu kalkulieren sind. Außerdem muss das Investitionsvolumen größer gefächert werden. Das ist ein schwieriger Bereich.

Autona: Hier eine Frage, die sicherlich das Interesse von Nachwuchsbands trifft. Ich nehme an, dass Eure A&R’s mit Demomaterial zugeschüttet werden. Was muss eine Band mitbringen, um Euer Interesse zu wecken?
A.S.: Wir haben kürzlich eine brandneue Band im Bereich Death Metal unter Vertrag genommen: Hackneyed. Bei ihnen stimmen zum Beispiel die Musik und das gesamte Umfeld der Band, wir sehen dort ein großes Potential und Entwicklungschancen. Grundsätzlich geht das Material in die A+R Anhörrunde und wird dann besprochen. Die Kriterien sind einerseits subjektiv, bei bekannteren Bands stehen natürlich auch wirtschaftliche Entscheidungen im Vordergrund. Wenn wir eine Newcomerband hören und merken, dass hier ein gewaltiges Potential vorhanden ist und dieses Produkt zu uns passt, spricht nicht gegen eine Zusammenarbeit.
Autona: Nuclear Blast gibt es jetzt über 20 Jahre. Du bist seid 11 Jahren an Bord. Wenn Du zurückblickst, was empfindest Du spontan?
A.S.: Stolz. Stolz, dass wir unsere Markposition behauptet haben und auch noch ausbauen konnten. Es ist auch schön, dass viele Kollegen, mit denen man angefangen hat, noch an Bord sind. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und es macht Spaß, hier zu arbeiten.

Autona: Liegt in dieser Beständigkeit auch einer der Gründe für den Erfolg des Unternehmens?
A.S.: Absolut! Never change a winning team, das lernt man bereits beim Fußball. Wir sind irgendwie wie eine große Familie, in der man Stimmungen aufnimmt und die Stärken und Schwächen des anderen kennt. Dann kann man sich ergänzen und weiß auch, wann man jemanden kurz aus dem Weg gehen sollte. Wenn man das Team gut einschätzen kann, hilft es bei der Zusammenarbeit.
Autona: Ihr duzt einander?
A.S.: Ja, es wäre auch komisch, wenn wir einander oder Markus siezen würden.
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